BUCKAROO Flavour: the best of the rest of the West

Wie aus einem Videofilmprojekt ein Reiseangebot wurde

Als ich vor 16 Jahren damit begann, mit Jean-Claude Dysli Videofilme �ber das Westernreiten zu produzieren, da wusste ich nicht, dass mich dieses Thema eines Tages zu den Buckaroos f�hren w�rde. Im Fr�hsommer 2001 entschloss  ich mich, der Sache in den USA auf den Grund zu gehen und das symbiotische Verh�ltnis zwischen Mensch und Pferd an Ort und Stelle zu erforschen. Denn der eigentliche Einfluss des sanften Umgangs kam westw�rts aus dem Kalifornien der Vaqueros und wanderte nach Nevada, Idaho und Oregon aus, dem Land der Buckaroos. Einen Tipp hatte ich von einem Eingeweihten bekommen: �Wenn du die echten Erben der altkalifornischen Reitweise treffen willst, dann musst du im Mai zum Big Loop Horse Roping gehen�, riet mir Lynn Tomlinson. Seither bin ich f�nfmal dort gewesen und habe jedes Mal Neues entdeckt. Eine Fundgrube f�r europ�ische Reiter, die es ernst damit meinen, die altkalifornische Reitweise kennen zu lernen. Nachdem ich nun dieses Jahr die Testreise unternommen habe, gibt es ab 2004 mehrere Trips nach ION Country - f�r diejeniegen, die die jungen und alten Buckaroos live erleben wollen!

Im August war es soweit. G�ste aus S�dtirol machten sich mit mir auf den Weg. Wieso von dort, werden Sie fragen: Nun, einer von ihnen hatte auf der letzten Americana einen Reise-Prospekt mitgenommen und mich Anfang des Jahres angerufen. Er wollte unbedingt mit nach ION Country. Eigentlich kein Problem. Da ich jedoch selbst noch nicht wusste, wann die n�chste M�glichkeit bestehen w�rde, besuchte ich ihn bei n�chster Gelegenheit, um ihn pers�nlich kennen zu lernen. Kurz darauf gab es noch andere Interessenten und los ging�s.

Diesmal flogen wir direkt nach Los Angeles, nahmen dort einen Kleinbus und fuhren am n�chsten Tag in die �stliche Sierra Nevada gen Norden. An einem Tag kommt man etwa bis zum Yosemite Park. Hier im Owebs Valley wurde Ranchgeschichte geschrieben. Wer die B�cher von David Stoecklein kennt, wei�, wovon ich spreche. Denn auf dieser Route kam das Wissen und die Technik, das Handwerk und die Kultur in die Nachbarstaaten Nevada, Oregon und Idaho. Weiter ging�s in Richtung Carson City, Besuch bei dem bekannten Sattler Pete Schuler in seinem Western Tack Shop � ein Gast musste sich mit Reitausr�stung versorgen. Ich wusste von Larry Bute, dem K�nstler, dass es ein paar Stunden weiter westlich eine kleine Leder-Manufaktur gibt, die traditionelles Zaumzeug herstellt. Wir fanden den Laden. Sie exportieren bereits nach Europa, waren aber gern bereit, uns umherzuf�hren.

Seit Tagen war es sehr hei�, und hier in der W�ste Nevadas ist es im August sowieso wie im Backofen. Jedenfalls haben wir uns nach dem Lunch in Heidi�s Caf�  verfahren und sind statt nach Winnemucca weiter den Highway 50 nach Osten gefahren � der gilt als the loneliest  highway of America. Irgendwann kamen wir an eine kleine Ansiedlung in the middle of nowhere. Altes Geb�ude mit Bar. Drinnen l�uft der Fernseher und berichtet vom Stromausfall an der Ostk�ste. Das kann uns hier nicht passieren, sagt der Wirt, wir haben Generatoren. Au�erdem gibt es eine Telefonzelle mitten auf dem Parkplatz. Es stellt sich heraus, dass das Holzhaus eine ehemalige Pony Express Station gewesen ist. Und die hatten bekanntlich zuerst eine Telegrafenleitung, um Nachrichten von Ost nach West zu morsen. So mussten wir zwar einen Umweg in Kauf nehmen, aber die Fahrt durch die Natursch�nheiten Nevadas haben uns daf�r reichlich entsch�digt.

Am n�chsten Tag verlassen wir den Spielerstaat Nevada und kommen bei sch�nstem Wetter ins umweltbewusste Oregon. Auf dem Weg von Winnemucca nach Norden kommt man durch eine Indianerreservation, direkt an der Bundesgrenze gelegen. Hier ist das Land noch weniger besiedelt als in Nevada. Daf�r sieht man Rinderherden auf den Weiden rechts und links des Highway und taucht tief ins ION Country ein. Der S�dosten dieses Staates ist weniger gr�n als gebirgig und ausged�rrt und hei�t nicht umsonst high desert.

Nach �ber einer Stunde Fahrzeit, H�chstgeschwindigkeit 55 Meilen, geht�s rechts ab in Richtung des Owyhee-River. Hier haben sich unendlich alte Gesteinsschichten an die Oberfl�che gedr�ngt, auch eine Landschaft aus wei�en, s�ulenf�rmigen Felsen, die sog. Pillars of Rome. Dann ein Tal mit einem kleinen Restaurant namens Rome Station. Dort sitzen die Trucker und Touristen und essen gro�e Portionen amerikanischen Essens: Fleisch, Eier und Fritten. Wir auch. Danach ist man erst mal f�r Stunden satt und kann sich in eines der Zentren von Buckaroo Country begeben. Jordan Valley ist eigentlich ein Ort wie viele andere. So unauff�llig, dass er einem gar nicht weiter im Ged�chtnis haften bleiben w�rde - w�sste man nicht, dass hier einmal im Jahr, im Mai, eines der Top-Rodeos stattfindet: In dem kleinen �rtchen, in fr�heren Westernzeiten Dogville genannt, gibt es au�erdem noch ein erw�hnenswertes baskisches Restaurant, das eine an Nordspanien gemahnende K�che bereith�lt - eine willkommene Abwechslung zum Steak & Ribs & Chicken-Monopol der meisten Restaurant-Ketten.

Die Basken waren einst als Schafhirten erfolgreich, ehe sie auf Rinderwirtschaft umstiegen. Ihre ungew�hnlichen Namen und au�ergew�hnlichen Gerichte haben sie gl�cklicherweise beibehalten. Erfreulich ist auch das Rockhouse Caf� mit dem besten Espresso und Cappuccino in einem Radius von mindestens 100 Meilen. Drei Br�der haben das alte Haus wieder aufgem�belt, mit einer Sitzecke auf der Terrasse und einem winzigen Garten sowie dem Slogan Unforgettable Restrooms versehen. Und das stimmt. Wo man auch sitzt, es ist gem�tlich und entspannt. Immer l�uft gute Musik. Ja, und dann gibt es im General Store direkt an der Hauptstra�e au�er den �blichen Postkarten und Souvenirs auch noch diverse B�cher �ber die Gegend. Einer der ans�ssigen Rancher k�mmert sich ganz besonders um das Erbe von the Wests forgotten corner.

Das Big Loop Horse Roping

Seit 1962 gibt es dieses Big Loop Horse Roping nun schon - 40 Jahre sind vergangen, seit eine Handvoll Rancher und Buckaroos zu einem friedlichen Turnier f�r sich und ihre Freunde zusammenkommen, um ihre hart erarbeiteten K�nste vorzuf�hren. K�nste, die immer noch von Generationen von Ranchern praktiziert werden. Und der Andrang wird von Jahr zu Jahr gr��er.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Preise sind zwei S�ttel f�r diejenigen, die ihr Lasso am schnellsten und gekonntesten um den Hals und die Vorderl�ufe der jungen Pferde werfen k�nnen. Die Teilnehmer sind keine Profis, sondern arbeitende Cowboys, Rancher, Buckaroos und deren Kinder.

Die Cowboys auf diesem Rodeo sind wandelnde und reitende Ausstellungsst�cke. Es ist, als h�tte man die Zeit um hundert Jahre zur�ckgedreht: handgemachte Stiefel und Hemden, Halst�cher, Cowboy-H�te und ma�gearbeitete Sporen, G�rtel, Kopfst�cke, Zaumzeug und S�ttel. Und wer noch nicht entsprechend ausger�stet ist, der kann auf dem Markt einkaufen oder tauschen. Buckaroos bringen ihr Zelt, ihre Familie und ihre Ausr�stung mit, um ein Wochenende lang im Wettkampf gegeneinander anzutreten, mit alten Freunden zu plaudern, zu tanzen und gute baskische K�che zu genie�en.

Jordan Valley�s Big Loop Rodeo ist vermutlich das gr��te j�hrliche Treffen der Buckaroos im ganzen Land.

Nevadas Rancher Jack Walther bezeichnete den Buckaroo einmal als eine Person mit angeborener Vornehmheit, der mit gro�em Stolz eine Arbeit ausf�hrt, die, obwohl sehr niedrig entlohnt, die h�chsten Anforderungen stellt, die je ein Job in Amerika verlangt hat.

Jetzt, im August, wird am Wochenende der Nachwuchs seine Chance kriegen.

 Hier ganz in der N�he liegt das Grab von Jean-Baptiste Charbonneau, einem Mitglied der Lewis and Clark Expedition von 1803-1805. Er war auf dem Weg nach Osten, hatte den Owyhee-Fluss durchschwommen und sich eine Lungenentz�ndung zugezogen. Daran ist er gestorben und wurde auf der Ruby Ranch beigesetzt. Das Grabmal mit Informationstafel, das dort heute steht, verdankt sich der Initiative des besagten Ranchers Mike Hanley IV, der au�erdem Historiker, Schriftsteller, Zeichner und Restaurateur von alten Kutschen ist. Er hat B�cher �ber die Gegend geschrieben und besitzt unter anderem eine original Wells Fargo Postkutsche. Die Dinger werden in gutem Zustand um die 500.000 US-Dollar gehandelt. Mike Hanley IV. geh�rt zu einer der alt eingesessenen Familien. Alteingesessen hei�t: seit vier oder f�nf Generationen, als hier noch gegen die Indianer gek�mpft wurde. Die Leute machen nicht viel Aufhebens um ihr Erbe, aber wenn man tiefer ins Land hineinf�hrt oder das Gl�ck hat, von ihnen eingeladen zu werden, dann merkt man, dass noch eine Menge Wilder Westen lebendig geblieben ist.

Die St�mme der Shoshonen und Paiute hatten hier ihr Jagdgebiet und ihre Versammlungspl�tze. Ein Mann, der Longhorn-Rinder z�chtet, hat auf einem dieser Pl�tze anl�sslich der 200-Jahr-Feier von Lewis & Clark, also 2004, vor, dort Veranstaltungen abzuhalten. Er will die Indianer einbeziehen und verhandelt mit ihnen. Wir haben eine Option auf seine Unterk�nfte dort oben in der Wildnis und sind schon ganz gespannt auf sein Programm.

Einer, der noch in der alten Handwerks-Tradition steckt, ist Leon Gage. Eigentlich von Beruf Cowboy, brachte er sich im Laufe der Jahre und an langen Winterabenden das Handwerk des Silberschmieds bei und stellt Sporen und Zaumzeug vom Feinsten her; f�r sich und seine Buckaroo-Freunde. Am meisten freut er sich, wenn der Anblick seiner Arbeit ein L�cheln ins Gesicht eines guten Mannes zaubert. Er ist immer bereit, die Ideen seiner Kunden mit in seine Arbeit einzubeziehen. �Ich pers�nlich glaube nicht, dass der Cowboy ausstirbt und in der Stadt verschwindet�, sagt Leon. Ich sehe ihn eher ausweichen und sich anpassen - und damit �berleben, wie es alle wilden Kreaturen tun.�

Zusammen mit seiner Frau Linda, die  Kunstmalerin ist, lebt er auf einer Ranch und k�mmert sich um die ihm anvertrauten Tiere und seine Kunst. Ein riesiger Walross-Schnauzer, der nur mit Wachs in die geschwungene, altbackene Form gebracht werden kann, verdeckt das gro�e St�ck Kautabak, das sich Buckaroos wie er gern zwischen Z�hnen und Lippe einklemmen. Ab und zu verl�sst ein dunkelbrauner Strahl Richtung Spucknapf seinen gespitzten Mund, bevor er sich wieder seiner beeindruckenden Kollektion zuwendet.

Das Paar ist regelm��ig mit seinen Kunstwerken auf Veranstaltungen, wie dem Cowboy Poetry Festival in Elko oder auf den oft den Rodeos angeschlossenen M�rkten anzutreffen.

Wir finden leider ein verschlossenes Haus vor. Nur der struppige Hund begr��t uns. Die Pferde d�sen vor sich hin, und vor der Werkstatt des Sohnes, der sowohl ein erfolgreicher bareback rider als auch Sattler ist, steht sein von Sporenkratzern �bers�tes �bungsger�t.  

Heute ist Freitag. Heute Abend gibt�s ein Night Rodeo in Caldwell, Idaho. Da wollen wir hin. Schnell ins Hotel eingecheckt und r�ber in die Arena.

Das Rodeo ist - klar - ein lautstarkes Spektakel. Wir sitzen auf der Gegenseite der Rowdies, die vom Stadionsprecher immer wieder aufgefordert werden, ihrem Namen alle Ehre zu machen. Mit anderen Worten, hier neben uns sitzen die Weicheier. Kann man nichts machen, ohne kr�ftemessenden Wettkampf l�uft in den USA sowieso nichts. Und hier in Idaho eh. Die Besucher aus den Nachbarstaaten Nevada und Oregon kriegen ihr Fett weg, und als er fragt, ob welche von au�erhalb der USA gekommen sind, hebe ich zaghaft meine Hand. Trotz meines pinkfarbenen Cowboyhemds geht mein Arm in dem Get�mmel unter � denn wer rechnet hier mit Europ�ern? 

Am n�chsten Tag, der wieder herrlich sonnig ist, besuchen wir die Ranch von Horseman Martin Black. Er selbst ist leider ausw�rts, startet Colts in Kentucky, aber seine Frau und Tochter f�hren uns die Herde vor. Ganz behutsam werden die Zuchtstuten mit ihrem Nachwuchs mit kleinen Heub�scheln angelockt. Wie bei einer Schnitzeljagd f�hren sie in die Corrals, sodass sich das Herdenverhalten gut beobachten l�sst.  Ein Teil der Ein- und Zweij�hrigen ist schon zum Verkauf ausgesondert worden und wartet auf die Auktion in Nevada im n�chsten Monat.

Das eigentliche Ereignis ist heute jedoch die Geburtstagsparty auf der Ranch. Wir sind eingeladen. Michelle wird Vierzig und hat allerhand G�ste um sich versammelt. Trotz der Sprachschwierigkeiten werden meine S�dtiroler Mitreisenden sehr freundlich aufgenommen und staunen nicht schlecht �ber das �berbordende Buffet. Hier kommt das Steak aus eigener Schlachtung und die Beilagen aus dem Garten. Ich wusste vorher nicht, dass die Party das Thema Hawaii hat, und einen Rancher im Bastrock sieht man auch nicht alle Tage. Bei Tim Freeman muss man allerdings auf allerhand gefasst sein � der ist immer f�r eine �berraschung gut. Ich nenne ihn stets bullshitter number one of Owyhee County � und er wei� es zu nehmen. No photographs war heute seine Bedingung.

Irgendwann, als er merkt wie gro� das Interesse an seinen Pferden ist, hat er auch noch zwei von ihnen gesattelt und so kann im Abendrot auch noch eine Runde geritten werden. Tja, und dann wurde es ziemlich sp�t, die Sprachbarriere wurde zweitrangig und Tim zeigte seine Waffensammlung. Und weil es allen so gut gefallen hat, fuhren wir am n�chsten Tag wieder hin und veranstalteten ein Bogen-, Armbrust- und Tontaubenschie�en. Auch das geh�rt im Westen immer noch zum t�glichen Leben.

 

Fortsetzung in der Western News 1/2004

Dennis Timm, Prozessionsweg 419, D-48155 M�nster, Tel. 0049/251/131858